Vortragseinblicke: Interview mit Tobias Schlitt

Tobias Schlitt
Tobias Schlitt

 

 

 

Tobias Schlitt ist Trainer, Autor, Software-Architekt und -Engineer. In dieser Funktionen hält er rund um den Themenkomplex PHP schon seit Jahren erfolgreich Vorträge. Tobias ist Mitbegründer und einer der Geschäftsführer der Qafoo GmbH.

 

 

 

Tobias ist mein erster Gesprächspartner bei dieser Interviewserie. Dieses erste Interview liegt nur in Textform vor. Da Tobias und ich darauf zu sprechen kommen, hier kurz zur Erklärung: Ich habe Tobias vor etwa einem Jahr ein Feedback zu einem seiner Vorträge gegeben, die er mir als Video zur Verfügung stellen konnte. Darauf geht am Ende des Interviews eine Frage ein. Und jetzt will ich nicht länger im Weg stehen.

Viel Spaß beim ersten Interview.

 

Heiko Harthun: Kurz und knapp: Kannst du grob überschlagen, seit wievielen Jahren du Vorträge hältst und zu welchen Gelegenheiten?

 

Tobias Schlitt: Meinen allerersten Vortrag musste ich, wie die meisten vermutlich, irgendwann in der Schule halten, was mir damals extrem unangenehm war. Besser und vor allem professioneller wurde es dann ab 2003, als ich meinen ersten Vortrag auf der International PHP Conference hielt. Seit dem halte ich auf verschiedenen Fach-Konferenzen über das Jahr verteilt Vorträge und betätige mich seit zwei Jahren auch beruflich als Schulungsleiter.

 

Heiko Harthun: Für die meisten Menschen ist die Vorstellung vor Publikum zu sprechen eine der fünf großen Ängste. Warum bist du so begeistert, dass du sogar freiwillig Vorträge hältst?

 

Tobias Schlitt: Das hatte zu Anfang erst einmal gar nichts mit Begeisterung zu tun: Ich wollte auf eine Konferenz gehen, die mein Arbeitgeber mir aber leider nicht bezahlen wollte und als Azubi war der Preis für mich selbst auch unerschwinglich. Da musste ein anderes Konzept her und Speaker erhalten nun einmal freien Eintritt für die gesamte Konferenz. Die eigentliche Leidenschaft für Vorträge resultierte erst daraus. Ich merkte, dass im Publikum auch nur Menschen wie “du und ich” sitzen, mit denen man eigentlich ganz normal reden kann. Außerdem hatte ich Spaß daran, mein eigenes Wissen weiter zu geben. Es macht mir einfach Freude, nach einem Vortrag das Gefühl zu haben, jemandem etwas Nützliches beigebracht zu haben oder sie/ihn für etwas begeistert zu haben.

 

Heiko Harthun: Wie gehst du mit Lampenfieber um? Vor allem Lampenfieber bei Vorträgen auf einer neuen Konferenz, auf der du noch nie warst oder einem Publikum, welches dir vollkommen unbekannt ist?

 

Tobias Schlitt: Ich versuche möglichst früh im Vortrag das Eis zu brechen, mir selbst wieder dieses Gefühl zu verschaffen, dass vor mir auch weiterhin nur Menschen wie “du und ich” sitzen. Das funktioniert mal schlechter und mal besser - je nach Publikum - in dem man die Leute einfach genau so anspricht, wie man mit einem Kollegen sprechen würde. Ein einfacher Satz wie “Könnt Ihr da hinten in der letzten Reihe die Schrift noch gut lesen?” reicht oft schon. Damit verpflichte ich jemanden im Publikum auf mich zu reagieren, mit mir zu interagieren.

Das hin zu bekommen hat vor allem eine Voraussetzung: Man muss das Thema des Vortrages gut kennen. Wer einen halbherzig vorbereiteten Vortrag hält oder über ein Thema spricht, dass er selbst nicht verinnerlicht hat, ist viel zu sehr damit beschäftigt, nicht in irgendeine thematische Falle zu tappen, als dass er bewusst mit dem Publikum interagieren kann.

 

Heiko Harthun: Was ist der dich antreibende Gedanke bei der Vorbereitung und Produktion eines neuen Vortrags?

 

Tobias Schlitt: Da gibt es bei mir grundlegend zwei verschiedene Motivationen: Zum einen, Leute zu begeistern, und zum anderen, für die Zuhörer ein Lernziel zu erreichen. Oft mischen sich diese Motivationen, denn wenn ich von einem Konzept überzeugt bin, dann begeistert es mich auch, und eigentlich sollte in jedem Vortrag auch ein Lernziel stecken. Ich mag keine reinen Marketing-Vorträge. Bei Vorträgen über Tools, die ich cool finde oder an denen ich mit entwickle, überwiegt allerdings oft der Wunsch, die Begeisterung zu teilen.

 

Heiko Harthun: Die gleiche nervige Frage, die auch einem Schriftsteller dauernd gestellt wird: Wo findest du den Aufhänger die Inspiration für einen Vortrag?

 

Tobias Schlitt: Das wird mit der Zeit ganz schön schwierig, denn der eigene Anspruch an einen Vortrag steigt immer weiter an, sowohl an das Thema als auch die Ausführung: Früher hat es mir ausgereicht, dass ich irgendein cooles neues Feature kennen gelernt hatte und schwups wurde ein Vortrag dazu eingereicht. Heute habe ich den Anspruch, den Leuten etwas richtig Neues zu zeigen und messe den Grad der Neuigkeit daran, wie neu das Thema für mich war. Das macht es sehr schwierig einzuschätzen, was denn das Publikum wirklich interessiert.

Aber zurück zum Punkt: Die Themen finde ich in meinem Alltag als Consultant, Trainer aber vor allem als Entwickler. Ich stoße auf Probleme, die entweder ich selbst oder andere Leute haben, und bemühe mich, diese zu lösen. Wenn dabei eine innovative Lösung entsteht oder ich auf eine solche stoße, versuche ich, diese an andere Leute weiter zu geben.

 

Heiko Harthun: Über die Jahre hinweg sind deine Vorträge - wahrscheinlich auch subjektiv empfunden - immer besser geworden. Was hast du für dich selbst im Umgang mit dem Publikum rausgefunden, worauf konzentrierst du dich mittlerweile?

 

Tobias Schlitt: Das kommt drauf an, unter welchen Umständen ich einen Vortrag halte. Handelt es sich um einen Vortrag, den ich schon öfter gehalten habe, konzentriere ich mich mehr auf die Meta-Ebene: Zum Beispiel den Vortrag stilistisch weiter auszuformen, bewusst mit Stilmitteln zu spielen, das Publikum mehr ein zu beziehen und den Vortrag spontan an die Bedürfnisse der Anwesenden anzupassen. Bei neuen Vorträgen steht aber häufig zunächst erst mal der Inhalt im Vordergrund, auch wenn das durch die andauernde Übung immer weniger wird.

 

Heiko Harthun: Wenn du spontan einen Vortrag halten sollst oder sonst in irgendeiner Art und Weise improvisieren musst, was tust du, worauf greifst du zurück?

 

Tobias Schlitt: Ich „kritzle“ sehr gerne. Ich finde es sehr wichtig, dem Publikum etwas zum Festhalten, zur Strukturierung an die Hand zu geben. Sei es ein Diagramm oder ein Stück Code. Während meine Folien oft sehr Code-lastig sind, nutze ich spontan lieber Diagramme. Von “zeichnen” kann hier aber keine Rede sein, ich kritzle ganz furchtbares Zeug und hoffe, dass die Leute verstehen, was ich meine. Oft versuche ich auch Code-Stücke anzuschreiben, was dann aber oft mit der Redegeschwindigkeit nicht auskommt. Dann falle ich in Abkürzungen, was mitunter zu interessanten Kunstwerken führt. Aber es hilft dem Publikum, die Essenz meiner Rede im Kopf zu behalten und sich die Zusammenhänge besser vorzustellen.

 

Heiko Harthun: Hast du schon einmal einen Vortrag gehabt, bei dem wirklich alles (oder zumindest viel) schiefgegangen ist? Wenn ja, wie hast du das durchgestanden? Wenn nein, bist du auf einen solchen Moment vorbereitet?

 

Tobias Schlitt: Pannen gibt es immer mal wieder, damit muss man letztendlich einfach lernen umzugehen. Aber es gab auch durchaus schon GAUs. Ich erinnere mich an einen Vortrag insbesondere, der schon einige Jahre zurückliegt: Zunächst wollte mein Notebook partout nicht mit dem Beamer sprechen. Bis die beiden sich letztendlich doch halbwegs verstanden haben, waren bereits der Vorbereitungspuffer und 10 Minuten des eigentlichen Talks vergangen. Allerdings lief es dann immer noch nicht zu 100%: Auf dem Beamer war nur ein Ausschnitt des Screens zu sehen, sodass ich mein Präsentationsprogramm nicht im Vollbild-Modus laufen lassen konnte. Statt dessen musste ich das Fenster in den gezeigten Bild-Ausschnitt einpassen. Dieser Ausschnitt verschob sich mit jeder Maus-Bewegung und Teile der Präsentation waren abgeschnitten. So kamen alle paar Minuten Zwischenrufe aus dem Publikum, dass der Ausschnitt erneut verrutscht war. Es war der blanke Horror.

Aus solchen Situationen lernt man vor allem eines: Stoische Ruhe zu bewahren. Denn in dem Moment, wenn ein Problem auftritt, rettet man mit Panik rein gar nichts. Es bleibt einem nur übrig, das Beste aus der Situation zu machen. Am wichtigsten ist hier, dem Publikum dennoch die geplanten Inhalte zu vermitteln, egal wie.

Vielen Problemen kann man natürlich durch gute Vorbereitung zuvorkommen. So sollte man beispielsweise immer eine Kopie seiner Präsentation in einem möglichst portablen Format (PDF) griffbereit haben. Auch wenn der eigene Rechner gerade Schluckauf hat, kann man so zumindest mit einem Leih-Rechner arbeiten. Für den Fall, dass die Kopie auf dem gerade kränkelnden Rechner schlummert, sollte man auch im Netz irgendwo eine Kopie bereithalten, die man von unterwegs erreichen kann. Mit diesen beiden Maßnahmen beugt man dem technischen GAU schon recht gut vor. Aber letztendlich ist man niemals zu 100% gefeit.

 

Heiko Harthun: Was ist dein intrinsisches Ziel bei Vorträgen? (Beispielsweise: Deine Zuhörer beraten, sie in die Lage versetzen, ihre Arbeit besser zu machen, sie belehren, ihnen einen Überblick verschaffen, sie unterhalten, selbst einen guten Eindruck hinterlassen, oder etwas verkaufen)

 

Tobias Schlitt: Da fließen bei mir verschiedene Motivationen zusammen. Als Consultant und Unternehmer ist es natürlich ein wichtiges Anliegen, Eigenwerbung für meine Firma und mich zu machen. Ich möchte erreichen, dass die Leute erkennen, dass wir sie bei der Lösung ihrer Probleme unterstützen können und dafür die idealen Partner sind. Aber meine Vorträge sind keine Werbesendungen. Ich vermittle in meinen Vorträgen aktiv Wissen. Zum einen, weil es mir einfach viel Spaß macht, Themen verständlich aufzuarbeiten und den Lernerfolg zu erkennen. Zum anderen möchte ich einem Zuhörer einen aktiven Mehrwert vermitteln und ihm damit das Gefühl geben, dass er von mir als Consultant noch viel mehr lernen kann. Final, und davon kann sich vermutlich kein Speaker freisprechen, stehe ich einfach gerne im Mittelpunkt und spiele den Entertainer.

 

Heiko Harthun: Person X hat ein “grandioses” Thema/Projekt, traut sich aber nicht für eine Konferenz einen Vortrag einzureichen. Du hast einen Satz, den du ihr (der Person) in den Kopf hämmern kannst, wie lautet dieser?

 

Tobias Schlitt: “Doch, das interessiert die Leute!” Den Satz habe ich auch einem guten Freund mehrfach in den Kopf hämmern müssen, bis er sich getraut hat, seinen ersten Konferenz-Vortrag einzureichen.

 

Heiko Harthun: Sind Vorträge in englischer Sprache für nicht nativspeaker schwierig? Worauf muss man achten?

 

Tobias Schlitt: Das hängt natürlich stark davon ab, wieviel Englisch man eh schon spricht. Findet der Arbeitsalltag auf Englisch statt, sollte es keinen Unterschied machen, ob man auf Englisch oder Deutsch spricht. Aber die Frage bezieht sich wohl eher auf angehende Speaker, die eben nicht in ihrem Alltagsgeschäft andauernd Englisch sprechen.

Hier ist es gerade im IT-Bereich hilfreich, dass viele Fachbegriffe bereits Englisch sind. Trotzdem sollte man darauf achten, dass doch mehr nötig ist, als diese Fachbegriffe zu kennen, um einen erfolgreichen Vortrag zu halten.

Um den Wortschatz auszubauen, sollte man sich angewöhnen, Fachliteratur und Dokumentation nur noch in englischer Sprache nach zu schlagen. Insbesondere das Lesen englischer Dokumentation kann ich sowieso nur jedem empfehlen, da diese nahezu immer aktueller und umfangreicher ist als die Übersetzungen in andere Sprachen. Noch hilfreicher ist die Teilhabe an einem internationalen Open-Source-Projekt: Durch Lesen und Diskutieren auf Mailinglisten und in Chats kann man sehr viel lernen, nicht nur technisch, auch sprachlich.

Ob man in der Lage ist, einen Vortrag auf Englisch zu halten, muss man letztendlich allerdings ausprobieren. Hier hilft es, einem Kollegen einfach mal auf Englisch vorzutragen. Schafft man es, sich halbwegs verständlich auszudrücken und dabei einigermaßen fließend zu sprechen, sollte es für den Vortrag reichen. Englische Muttersprachler sind sehr genügsam, wenn sie Ausländer sprechen hören - ich würde sogar fast sagen, sie sind leicht zu begeistern. Alle anderen sprechen im Zweifel schlechteres Englisch oder erinnern sich noch gut an dieses Stadium. Somit sollte man seine eigenen Ansprüche nicht zu hoch stecken.

 

Heiko Harthun: In deinen Vorträgen sprichst du extrem laut und deutlich und du benutzt deine Sprechgeschwindigkeit sehr akkurat um Spannung zu erzeugen oder dich auf eine humorvolle Formulierung “zuzubewegen”. Ist das für dich eine unbewusste oder bewusste Anwendung dieser Fertigkeit?

 

Tobias Schlitt: Eher unbewusst. Klar musste ich mich zu Anfang dazu zwingen, langsam und deutlich zu sprechen, aber das geht schnell in Fleisch und Blut über. Ich versuche gelegentlich, mir weitere Verhaltensweisen anzutrainieren, indem ich in ein paar Vorträgen darauf achte, ein oder zwei Punkte bewusst umzusetzen. Entweder ich gewöhne mich daran - dann passt es scheinbar zu mir und ich fange an, es unbewusst umzusetzen - oder ich lasse es irgendwann einfach wieder sein.

 

Heiko Harthun: Deine Bewegungen auf dem Podium oder der Bühne (wenn du dich vom Laptop/Rednerpult lösen kannst) scheinen immer Tanzschritte zu sein. Das erzeugt beim Zuschauer einen flüssigen und eleganten Eindruck, sozusagen ein gleitender Übergang hin zur Präsentationsfläche oder wieder davon weg. Aktive Einbindung deiner Tanzausbildung oder passiert dir das einfach im Flow des Vortrags?

 

Tobias Schlitt: Das passiert einfach und fällt mir meistens auch gar nicht auf. Es scheint aber nicht unvorteilhaft zu sein.

 

Heiko Harthun: Wir haben uns vor einem Jahr kurz unterhalten und ich habe dir ein Feedback zu einer Videoaufnahme eines deiner Talks gegeben. Auch wenn es eher ein Feedback zwischen “Tür und Angel” war, würde mich natürlich schon interessieren, was du davon, jetzt etwa ein Jahr später für dich verwendet hast? (Einiges ist mir aufgefallen, mich würde aber deine Wahrnehmung dazu interessieren.)

 

Tobias Schlitt: Ganz wesentlich fand ich den Punkt, dass man an meiner Körperhaltung erkennen konnte, ob ich eine Frage als positiv (nützlich, interessant) oder negativ (nervig, langweilig, unsinnig) empfinde. Hierauf achte ich seit dem sehr bewusst, wenn ich auf Fragen eingehe. Nicht nur in Vorträgen, sondern auch in meinen Trainings und oft auch im Alltag. Ich denke, es ist sehr wichtig, jedem Teilnehmer das Gefühl zu geben, dass man ihn wertschätzt. Selbst wenn man bei sich selbst denkt “Was bist Du für ein …”.

Ein zweiter Punkt, für den Du mich sensibilisiert hast, ist das Festkleben an einem Rednerpult. Ich mag solche Geräte seit dem nicht mehr wirklich. Das Notebook auf dem Rednerpult heißt für mich, dass meine möglichen Blickwinkel auf die Uhr und die nachfolgende Folie stark eingeschränkt sind. Außerdem sind die Pulte oft recht groß, sodass ich fast dahinter verschwinde. Statt dessen möchte ich einen Platz haben, auf dem mein Notebook im 45°-Winkel stehen kann. So kann ich mich bewegen, ohne das Display aus den Augenwinken zu verlieren. Deshalb versuche mich vor dem Vortrag immer so einzurichten, dass ich einem vorhandenen Pult aus dem Weg gehe. Das kann zum Beispiel klappen, indem ich mein Notebook auf einem anderen Tisch platziere oder, wenn es keine andere Möglichkeit gibt, versuche das Notebook schräg auf das Pult zu stellen.

 

Heiko Harthun: Hättest du noch einen Vorschlag, wen ich außer dir noch zu diesem Thema interviewen könnte?

(Have: Kore Nordmann, Tobias Schlitt, Kristian Köhntopp, Judith Andresen, Frank Sons, Lars Jankowfsky; Do: David Zülke, Sebastian Bergmann)

 

Tobias Schlitt: Ulf Wendel, Johann-Peter Hartmann

 

Heiko Harthun: Vielen Dank für deine Zeit und Mühe!

 

Tobias Schlitt: Danke für die die Möglichkeit, meine Vorträge strukturiert zu reflektieren.

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